"Die verbrannten Briefe" - Recherche zum Theaterstück

Als ich mit 11 Jahren die Schulferien bei meiner Oma verbrachte, bekam ich einen Brief von einer Freundin. Voller Freude las ich meiner Oma den Brief vor. Da sagte sie plötzlich, dass man Briefe nicht aufbewahren darf. „Am besten muss man sie nach dem Lesen verbrennen“. Es war für mich unerwartet und unverständlich. Was ist passiert? Ist meine Oma alt und merkwürdig geworden?

Doch es stellte sich - viel später - heraus, dass hinter diesen Worten Erfahrungen standen, Erfahrungen, die ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht hätte vorstellen können.

Ich erfuhr vieles über den Leidensweg meiner Familie, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits. Das Wort „Leidensweg“ reicht nicht aus, um die unmenschlichen Ereignisse zu beschreiben, die mehrere Familienmitglieder er- und überlebten. Nichts wurde ihnen erspart: Enteignung, Mord, Vergewaltigungen, Verluste von Lebensnotwendigem, Verbannung, Erniedrigung, Verhaftung, Verhöre und weiteres mehr.

Eine meiner Großmütter, Maria, musste mitansehen, wie an einem einzigen Tag im Jahre 1937 ihre vier Brüder und ihr Schwager verhaftet wurden. Mehrere Jahrzehnte schrieb sie Briefe an alle möglichen Instanzen und suchte nach ihren Brüdern. Erst in den Achtzigern erfuhr sie, dass alle fünf im Jahr 1937 am gleichen Tag erschossen worden waren. 

Meine andere Großmutter, Elisabeth, wurde erst aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt, dann von Deutschland nach Sibirien verbannt, wo ihr Mann ins Gefängnis kam. Seine Schuld bestand darin, dass er ein Deutscher war. Er blieb 10 lange Jahre im Gefängnis. In der Zeit, als er inhaftiert und sie vom NKWD verhört wurde, lebten ihre drei kleinen Kinder alleine:  Ihre Großeltern hatten die Strapazen nicht überlebt - sie starben, und die Kleinen verbrachten mehrere Tage mit den zwei Leichen im Haus. 

Diese Horrorgeschichten sind nur ein kleiner Bruchteil der Familiengeschichte. Und dennoch haben beide Frauen - Maria und Elisabeth - nicht nur überlebt, sie haben auch ihre Kinder großgezogen, ihnen eine Ausbildung oder ein Studium ermöglicht. 

Ich habe mich lange geweigert, mich mit dem Thema „Russlanddeutsche“ zu beschäftigen. Es fiel mir früher auch nicht ganz einfach, mich als Deutsche zu betrachten. Obwohl meine beiden Eltern aus deutschen Familien stammten, war meine Muttersprache Russisch. Ich war - und bin natürlich immer noch - sehr stark in der russischen Geschichte und in der russischen Literatur verankert. Aber jetzt, wo ich über fünfzig und selbst Großmutter geworden bin, möchte ich - zum ersten Mal in meinem Literatur- und Theaterschaffen - mich mit meinen eigenen Wurzeln, mit den unglaublichen Überlebensleistungen meiner beiden Großmütter auseinandersetzen. Ich möchte ein Theaterstück über die Geschichte meiner Familie verfassen - stellvertretend für alle russlanddeutschen Familien. Denn sie alle haben im XX. Jahrhundert dasselbe Leid erfahren. Das ist der Hauptgrund für die große Auswanderung der Russlanddeutschen aus der USSR in den neunziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts.

Die Briefe, die meine Großmütter nie geschrieben hatten, die Briefe, die sie verbrannt haben, die Briefe, die sie hätten schreiben können - all diese Briefe müssen endlich geschrieben werden.

Irina Miler

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